Eigentlich…

…wäre ich gerne Rockstar… oder so.

Da ist es wieder. Gemein und fast unbemerkt schleicht es sich ein und drangsaliert unser aller Leben. Eigentlich ist es die Mühe und die Zeit gar nicht wert, diesem Sprachterroristen einen Beitrag zu widmen, weil eigentlich jeder weiß, wie das Wörtchen Eigentlich tickt: wie eine Zeitbombe im Koffer der täglichen Unverbindlichkeit.

Der Duden schreibt:

eigentlich

  • in Wirklichkeit
  • genau genommen
  • irgendwas mit halbherzig

Auf Letzteres habe ich es heute abgesehen. Ich zücke mein Skalpell und kehre für Dich das Innere nach Außen.

Dieses Wort ist eine Hülle, die genau genommen, in Wirklichkeit nichts Anderes sagt, als dass es sich bei der darauf folgenden Äußerung um eine halbherzig gemeinte Lieblosigkeit handelt. Nicht mehr und auch nicht weniger. Das ist das Problem.

Nehmen wir den eingangs geschriebenen Satz. Wenn ich gerne Rockstar wäre, dann sollte ich mehr Gitarre spielen, mehr wilden Sex mit wilden Frauen haben und wöchentlich einen Fernseher aus einem viel zu teuren Luxus Hotelfenster schleudern. Da ich alle 3 To Dos nicht besonders motiviert angehe, sollte ich die Ernsthaftigkeit dieser Aussage in Frage stellen.

Das gilt auch für:

Ich habe eigentlich kein Geld für…, ich habe eigentlich nichts gegen…, eigentlich wollte ich heute…

Warum schwächen wir mit Eigentlich unsere Aussagen ab?

Weil wir lieber würden statt tun. Oder weil wir gerne würden, aber nicht wagen. Oder weil wir Verbindlichkeiten scheuen. (Weil wir die Klarheit und Deutlichkeit der Aussage ohne Eigentlich nicht wahrhaben oder nicht annehmen wollen. Oder in der Situation gar nicht genau wissen, was wir wirklich sagen wollen.)

Kommt Dir das bekannt vor?

Jedes Mal, wenn Du Eigentlich unüberlegt benutzt, dann schwächst Du Deine Aussagen – und vielleicht sogar Dich selbst – mittels Deiner eigenen Sprache.

Wie wäre es mit:

  • Wenn Du eigentlich nichts gegen Ausländer hast, dann hab’ nichts gegen Ausländer! Und ergründe, was Du mit dem Eigentlich-Satz eigentlich sagen willst
  • Wenn Du eigentlich kein Geld hast, gestehe es Dir ein. Und ergänze, Du hast kein Geld DAFÜR. Oder Dir ist etwas Anderes wichtiger.
  • Wenn Du eigentlich gerne Rockstar wärst, dann kauf Dir eine Gitarre und gründe ein Band! Das ist ein erster Schritt.

Hier noch etwas zum Nachdenken für Dich, was Dich dazu motivieren soll, Eigentlich aus Deinem Wortschatz zu verbannen.

Bronnie Ware hat ein rührendes Buch mit dem Titel „The Top Five Regrets of the Dying“ geschrieben. Während ihrer Arbeit mit sterbenden Menschen wurde ihr klar, dass Menschen im Wesentlichen Folgendes bereuen, bevor sie ihre irdische Hülle ablegen:

  • Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mein eigenes Leben zu leben.
  • Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet.
  • Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, meine Gefühle auszudrücken.
  • Ich wünschte mir, ich hätte den Kontakt zu meinen Freunden aufrecht erhalten.
  • Ich wünschte, ich hätte mir erlaubt, glücklicher zu sein.

Übernimm keines meiner Worte und alles, was Du willst.

Gerald

(Photo by Maria Victoria Heredia Reyes on Unsplash)

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