Wie das Missverständnis Dein bester Freund wird

Und zwar ein Leben lang. Wie oft schon hast Du darüber gegrübelt, warum denn ein Gespräch wieder einmal
eine Wendung erfahren hat, mit der Du so gar nicht gerechnet hast. Hier kommt die Erleichterung: Das Missverständnis ist die Regel. Jedes Mal, wenn Dein Gegenüber das versteht, was Du wirklich meinst, ist die Zeit angebrochen, 3 Kreuze im Kalender zu machen, den Schampus zu köpfen oder eine Gehaltserhöhung zu fordern.

3 Erkenntnisse, die Dein Leben erleichtern werden:

1. Deine eigene Geschichte färbt Deine Gegenwart. Allen geht das so.

Du siehst Dein aktuelles Leben durch die Brille Deiner Vergangenheit. Wir alle wachsen in einem sehr individuellen System auf, z.B. als Jugendliche im Deutschland der 90er Jahre. Als System bezeichne ich hier all das, was sich auf Dich während Deines Lebens auswirkt: Deine Eltern, ob anwesend oder nicht, Deine Geschwister oder anderen Verwandten, Gleichaltrige, Freunde oder solche, die es niemals werden, Idole, Lehrer, usw.. Später kommen Arbeitskollegen, Liebschaften, Chefs hinzu. Die Medien erfüllen ihr Übriges. Gepaart mit Deinen Erlebnissen und Erfahrungen (lies hierzu gerne auch diesen Beitrag) entsteht in Dir eine ganz individuelle Landkarte, die Dir den Weg durch das Leben zeigt – mal deutlicher mal weniger deutlich.

HUND! Beim Lesen dieser vier Buchstaben entsteht ein Bild in Deinem Kopf und ggf. eine bestimmt emotionale Stimmung in Deinem Körper. Vielleicht denkst Du an Lassie, den freundlichen Collie (oder Du denkst: Wtf will er mir damit sagen?) aus der 90er Jahre Serie. Oder Du erinnerst Dich an den übel riechenden Köter Deines besten Freundes, nach dessen Besuch Du stets 10 Duftbäume aufhängen musstest, um nicht dauerbenebelt in der Wohnung zu schweben. Kann auch sein, dass Dich einmal ein Hund angefallen oder gebissen hat. Dann liest Du jetzt womöglich gar nicht erst weiter. Solltest Du aber! Dieser Mix aus Bildern, Erinnerungen, Emotionen und dergleichen, ist in jedem von uns anders gelagert. HUND ist also eine Steilvorlage für vielfältige Interpretationsleistungen.

2. Der Alltag überfordert schon ohne Deine Beteiligung

Bedenken wir, dass auf einen Menschen im Alltag 11 Mio. Reize eintreffen, von denen er nur einen Bruchteil verarbeiten kann, so scheint es tatsächlich lächerlich anzunehmen, dass ein gesprochenes Wort wie “HUND” oder “SCHNELL” oder “VERANTWORTUNG” bei meinem gegenüber die genau gleichen Assoziationen weckt wie bei mir. Ich selbst finde das Hundebeispiel einleuchtend. Wir können uns einen Hund noch recht konkret vorstellen: Pelziger Vierbeiner, sehr beliebt bei vielen Menschen, riecht, wenn nass, usw.. Was aber passiert bei Begriffen wie “VERANTWORTUNG”, “EHRLICHKEIT”, “DRINGEND”?  Allein die Masse an Informationen ist schon überwältigend, von Komplexität und Geschwindigkeit ist noch gar keine Rede.

3. Verabschiede Dich

Verabschiede Dich vom Glauben an die fehlerfreie Verständigung und akzeptiere das Missverständnis als die Regel.
Der irrsinnige Annahme, wir wären in der Lage, uns zu verständigen, geht einher mit dem Fortschrittsglauben des 20./21 Jahrhunderts. Über viele Jahrzehnte hinweg eiferten die Menschen dem Irrglauben hinterher, alles könne gemessen, beeinflusst und optimiert werden. Bis zu einem gewissen Grad stimmt das auch: Computer können schneller rechnen, auf einen USB Stick passt die 22.000 fache Datenmenge im Vergleich zu einer Diskette von 1997. Knight Rider wird real, Autos können selbstständig fahren. Und was vor wenigen Jahren eine Zugreise war, erleben wir bald als luftgepolsterte Rohrpost mit 1.200 km/Std.
Der Mensch jedoch ist langsam. Menschliche Kommunikation hingegen kommt im Emoticon galant durch den Datenstrom. Ihre Wirkung und Wirkprinzipien kommen aus einer Zeit, in der der Mensch gerade der Höhle entschlüpfte.

Was in diesem Text der HUND war, ist in Deinem Leben vielleicht das Meeting, die Ziele, ein offenes Feedback. Oder Attribute wie schnell, eilig, ernst. Tragende Worte wie Liebe, Ehrlichkeit, Offenheit oder Vertrauen. Oder Begriffe für Beziehungen wie Freunde, Follower, Likes und Hater.

Ich wünsche mir eine Welt, in der mehr Menschen sich bemühen verstanden zu werden, wohl wissend, dass das Missverständnis eine Selbstverständlichkeit ist. Mehr Menschen, die sich darüber freuen, wenn Verständigung klappt und weniger ärgerlich, enttäuscht oder wütend sind, wenn sie selbst wieder auf den Machbarkeitswahn hereingefallen sind.

Nimm nichts und alles, was Du willst.

Gerald

(Photo by Gabby Orcutt on Unsplash)

Posted in Kommunikation, Stressmanagement.

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